Ein PDF-Fahrplan kann technische Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen – und für Menschen, die ihn mit einem Screenreader nutzen, trotzdem unnötig kompliziert sein.
Genau diese Erfahrung haben wir im gemeinsamen Projekt mit den
Stadtwerken Marburg, der
Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) und
Frau Prof. Dr. Erdmuthe Meyer zu Bexten, Landesbeauftragte für barrierefreie IT des Landes Hessen, gemacht. Nachdem die technische Barrierefreiheit erreicht war, wurde der Fahrplan auch aus Sicht der tatsächlichen Screenreader-Nutzung geprüft.
Dabei zeigte sich: Technische Konformität allein war für die blista noch nicht ausreichend. Als Prüfpartner brachte sie zugleich die Perspektive unmittelbar betroffener Nutzer ein und stellte konkrete Anforderungen an Struktur, Navigation und Informationsvermittlung. Diese Anforderungen mussten in den Fahrplänen umgesetzt werden, damit auch die praktische Nutzung überzeugen konnte.
Aus einem technisch barrierefreien PDF-Fahrplan wurde so Schritt für Schritt ein Fahrplan, dessen Struktur sich auch an den Anforderungen blinder und sehbehinderter Nutzer orientiert.
Warum Fahrpläne besondere Anforderungen stellen
Für sehende Fahrgäste erschließt sich ein Fahrplan über seine visuelle Struktur: Haltestellen stehen untereinander, Fahrten nebeneinander, Hinweise und Symbole lassen sich räumlich zuordnen.
Ein Screenreader kann sich auf diese visuelle Orientierung nicht verlassen. Zusammenhänge müssen deshalb durch die Struktur des Dokuments vermittelt werden. Gleichzeitig enthalten Linienfahrpläne eine große Menge miteinander verknüpfter Informationen: Haltestellen, Abfahrtszeiten, unterschiedliche Wochentage, Zeiträume, Hinweise und Einschränkungen.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht nur darin, diese Informationen technisch zugänglich zu machen, sondern sie so zu strukturieren, dass sich Nutzer innerhalb des Fahrplans orientieren und gezielt zu den benötigten Informationen navigieren können.
Von technischer Barrierefreiheit zur praktischen Nutzbarkeit
Die praktische Prüfung durch die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) ging deshalb über die rein technische Betrachtung des PDF-Dokuments hinaus.
Entscheidend war die tatsächliche Nutzung mit dem Screenreader: Wie findet ein Nutzer den richtigen Wochentag? Wie gelangt er zu einem bestimmten Zeitraum? Welche Informationen werden beim Navigieren durch eine Fahrplantabelle vorgelesen? Und wie eindeutig lassen sich Hinweise einer bestimmten Abfahrtszeit zuordnen?
Aus dieser Prüfung entstanden konkrete Anforderungen, die wir in die Fahrpläne übernommen haben. Dabei wurden insbesondere sechs Bereiche weiterentwickelt.
Welche Anforderungen aus der praktischen Prüfung entstanden
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Dokumentinformationen
Die Dokumentinformationen wurden erweitert. Neben dem Gültigkeitsdatum wurden relevante Zusatzinformationen in den Dokumenttitel aufgenommen, damit wesentliche Angaben bereits auf Dokumentebene eindeutig zur Verfügung stehen.
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Lesezeichen
Die Lesezeichen wurden zu einem gezielten Navigationsinstrument ausgebaut. Jeder Wochentag sowie die jeweiligen Tabellenabschnitte innerhalb eines Wochentags erhielten eigene Einträge. Zusätzlich wird angegeben, aus wie vielen Tabellenabschnitten ein Wochentag besteht und welchen Zeitraum der jeweilige Abschnitt umfasst. Dadurch können Nutzer gezielt zu einem bestimmten Wochentag und anschließend zum relevanten Zeitraum springen.
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Überschriftenstruktur
Die Überschriften- und Tag-Struktur wurde hierarchisch eindeutig aufgebaut. Überschriften wurden entsprechend ihrer tatsächlichen inhaltlichen Ebene ausgezeichnet. Icons mit Alternativtext wurden aus den Überschriften entfernt, damit die Screenreader-Ausgabe an dieser Stelle klar und unterbrechungsfrei bleibt.
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Aufteilung der Fahrplantabellen
Die Fahrplandaten wurden in separate Tabellenelemente je Wochentag und – sofern erforderlich – in weitere Tabellenabschnitte innerhalb eines Wochentags unterteilt. Zusammengehörige Fahrplandaten lassen sich dadurch strukturell klar voneinander abgrenzen und gezielter erreichen.
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Tabellenstruktur
Die Tabellenstruktur wurde für die Screenreader-Nutzung vereinfacht und vereinheitlicht. Jede Tabelle erhielt eine eindeutige Kopfzeile. Die erste Kopfzelle wird als „Haltestellen“, die weiteren Kopfzellen werden als „Abfahrtszeit“ ausgezeichnet. Die separate „ab/an“-Spalte wurde aus der Screenreader-Tabelle entfernt und die entsprechende Information unmittelbar der jeweiligen Haltestelle vorangestellt. Leere Tabellenzellen werden mit „Leer“ ausgezeichnet.
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Hinweistexte
Hinweise zu einzelnen Fahrten wurden unmittelbar der jeweils betroffenen Abfahrtszeit zugeordnet. Statt eines Icons mit zusätzlichem Alternativtext befindet sich der relevante Hinweis direkt in der entsprechenden Zeitzelle. Dadurch werden Abfahrtszeit und Zusatzinformation unmittelbar gemeinsam ausgegeben.
Das Ergebnis: Wiederkehrende und nicht benötigte Informationen werden reduziert, Zusammenhänge eindeutiger vermittelt und unnötige Alternativtexte vermieden. Dadurch wird die Navigation innerhalb des Fahrplans erleichtert und die Screenreader-Ausgabe insgesamt verständlicher und flüssiger.
Barrierefreiheit selbst erleben
Wie unterschiedlich der Zugang zu Fahrgastinformationen sein kann, zeigt die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) aus der Perspektive blinder und sehbehinderter Menschen.
Das Video betrachtet verschiedene Möglichkeiten der Fahrgastinformation und zeigt, wo diese im Alltag an Grenzen stoßen können. Anschließend wird erklärt, welche Rolle barrierefreie PDF-Fahrpläne als Ergänzung spielen können.
Zum Abschluss wird die Nutzung der gemeinsam weiterentwickelten PDF-Fahrpläne mit einem Screenreader demonstriert. Dabei lässt sich unmittelbar nachvollziehen, welchen Unterschied eine auf die tatsächliche Screenreader-Nutzung abgestimmte Struktur machen kann.
Video der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista): Barrierefreie Fahrgastinformation aus der Perspektive blinder und sehbehinderter Menschen.
Barrierefreiheit, die in der Praxis funktioniert
Sie möchten wissen, welchen Unterschied diese Anforderungen bei einem Ihrer eigenen PDF-Fahrpläne machen?
Testen Sie unseren Ansatz anhand eines Fahrplans aus Ihrem eigenen Bestand.